Die Baureihe 95

Das Verkehrsaufkommen auf der 1885 zwischen Blankenburg und Tanne im Harz erbauten normalspurigen Zahnradstrecke entwickelte sich so stark, dass der Direktor der Halberstadt-Blankenburger Eisenbahn Dr. Steinhoff zusammen mit dem Chefkonstrukteur der Firma Borsig in Berlin, Dipl.-Ing. August Meister, schon im Jahre 1917 an eine Umstellung auf Reibungsbetrieb dachten. Die dazu erforderliche schwere 1’E1’-Tenderlokomotive wurde alsbald entwickelt, konnte jedoch kriegsbedingt erst im Jahre 1919 realisiert werden.    © 2010 Klaus D. Holzborn
Aufgrund der außerordentlich leistungsfähigen Kessel machten die Borsig-Lokomotiven enorm Dampf. Neben der Einkammer-Druckluftbremse der Bauart Knorr kam eine Gegendruckbremse der Bauart Riggenbach zur Anwendung, um auch die schweren Züge in Gefällstrecken sicher abbremsen zu können. Besonderen Wert legte Borsig auf die Druckluft-Sandstreueinrichtung, um die Reibungswerte auf den Steigungsabschnitten zu erhöhen.
Die Lokomotiven gehörten der späteren sogenannten „Tierklasse” an, aus ihren Namen Mammut, Büffel, Wisent und Elch  abgeleitet. Sie bewährten sich von Anfang an hervorragend und sorgten für großes Aufsehen. Besonders ist daran auch die Preußische Staatsbahn bzw. die in Gründung befindliche Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft interessiert, da auch dort mit dem Gedanken gespielt wird, den teuren Zahnradbetrieb auf diversen Strecken durch Reibungsbetrieb wie im Harz zu ersetzen.
Versuchsfahrten auf vielen Strecken zeigten schliesslich eine deutliche Überlegenheit und die damit verbundene enorme Kostensenkung gegenüber dem aufwendigen Zahnradbetrieb. So wurden, noch als preußische Gattung T20, bei Borsig zunächst zehn Lokomotiven als ”Magdeburg 9201 bis 9210” für die Preussische Staatsbahn (nach)bestellt.
Etliche Verbesserungen kamen zur Anwendung, so war die neue Lokomotive 2550 mm länger, die Kesselmitte stieg von 2800 auf 3100 mm und der Treibraddurchmesser um 300 auf 1400 mm. © 2010 Klaus D. Holzborn
Die Lokomotive war nun in der Lage, auf einer Steigung von 67‰ bei 15 km/h eine Last von 205 t zu befördern, das sind umgerechnet 913 kW am Radumfang bzw. 515 kW am Zughaken.
Von den 45 in den Jahren 1923/24 von Borsig (18) und Hanomag (27) gebauten Lokomotiven (die DRG reihte sie als 95 001–045 ein) verblieben 31 nach 1945 bei der Deutschen Reichsbahn (DR), die bald in Probstzella und Blankenburg konzentriert eingesetzt wurden. Die Blankenburger 95er kamen auf der Strecke nach Königshütte zur Verstärkung der Tierklasse-Lokomotiven, die ab 1949 nun 95 6676 bis 6679 hiessen, zum Einsatz. Als diese Strecke am 10. Dezember 1965 auf elektrischen Betrieb umgestellt wurde, konnten etliche 95er nach Probstzella umbeheimatet werden, einige Maschinen blieben noch ein paar Jahre in Blankenburg, weil es immer wieder Probleme mit dem elektrischen Betrieb gab.

Bei der Deutschen Reichsbahn

Aber auch die Feuerung mit Braunkohle bereitet den Lokomotiven grosse Probleme. Aus diesem Grunde wurde zunächst die 95 004 am 17. November 1964 im RAW Meiningen auf Ölfeuerung umgebaut. Nach einschlägigen Versuchsfahrten stellte sich heraus, dass der Umbau ein grosser Erfolg war, die Leistungsfähigkeit der Lokomotive wurde im Vergleich zur Braunkohlenfeuerung wiederhergestellt. Deshalb kamen im Jahre 1966 weitere vier 95er (009, 023, 037, 043) und 1967 noch einmal 13 Lokomotiven (005, 010, 014, 015, 020, 022, 028, 029, 030, 032, 036, 040, 044) ins Umbauprogramm. Im Jahre 1970 gesellten sich die 95 016 und 024, 1971 die 027, 1972 die 041 sowie 045 und schließlich als letzte am 31. Mai 1973 die 95 025 hinzu. Damit war ein Bestand von 24 auf Ölfeuerung umgebauten Lokomotiven erreicht, der bis 1977 konstant blieb. Gleichzeitig mit dem Umbau erhielten einige Lokomotiven einen Nachbaukessel, der keinen Speisedom mehr besitzt (95 004, 009, 010, 014, 015, 016, 020, 029, 030, 032, 040).              © 2010 Klaus D. Holzborn
Im Jahre 1982 erfolgte im Rahmen der Ölkrise ein Rückbau von den Lokomotiven 95 016 und 027 auf Rostfeuerung. Die 95 027 wurde ins Denkmalprogramm der DR aufgenommen und dem Verkehrsmuseum Dresden zur Betreuung übergeben.
Erst im Jahre 1984 konnten die 95er durch die Diesellokomotiven der Reihe 119 (später 219) endgültig abgelöst werden.
Erhalten blieben die 95 009 in Dieringhausen, 95 016 in Schwarzenberg bzw. leihweise im DDM Neuenmarkt-Wirsberg, 95 020 als 95 007 im Technik-Museum in Speyer, 95 027 in Blankenburg und die 95 028 in Bochum-Dahlhausen.

Heute

Im Jahre 2009 kam die 95 027 ins AW Meiningen und wurde hier wieder aufgearbeitet. Seit April 2010 ist sie wieder in Blankenburg und sie wird seit kurzem hier wieder mit Sonderzügen eingesetzt. Im alten Lokschuppen von Rübeland wird noch die Mammut (95 6676) aufbewahrt, sie wird einmal im Monat der Öffentlichkeit gezeigt und aus dem Schuppen gezogen.
Siehe auch: http://www.78er.de/BIM/BIM1006/bim1006.html                       © 2010 Klaus D. Holzborn

Eröffnungsfahrt am 10. 7. 2010   
Einfahrt Rübeland

Konstruktionsmerkmale

Kessel: Genieteter Kessel bzw. geschweißter Nachbaukessel, Feuerbüchse und Stehbolzen aus Kupfer, später aus Flusseisen, Sicherheitsventile.
Rahmen: Genieteter Barrenrahmen, 100 mm stark aus gewalzten Platten, Lichtmaß 1000 mm. Stahlgussversteifungen zwischen den Zylindern, über den Laufachsen und zwischen zweiter und dritter Kuppelachse.
Laufwerk: Antrieb auf dem 3. Kuppelradsatz, Spurkränze um 15 mm schwächer, erster und letzter Kuppelradsatz bilden zusammen mit den zugehörigen Laufradsätzen je ein Drehgestell der Bauart Krauß, erstere mit 30, letztere mit 125 mm Seitenspiel.
Triebwerk: Zweizylinder-Heißdampftriebwerk.
Steuerung: Heusinger-Steuerung aussen
Bremse: Luftdruckbremse mit Zusatzbremse der Bauart Knorr, Handbremse und Riggenbach-Gegendruckbremse.
Sondereinrichtungen: Selbsttätiger Druckausgleich, Luftsaugeventil auf dem Überhitzer, besonders lange Wasserstandsgläser für Steigungsstrecken, bei der DR Umstellung auf Troffimow-Schieber.

TECHNISCHE DATEN

Lokomotive
Bauart                               1’E1’-h2t
Bauzeit                              1923–1924
Gesamtserie                        45 Stück
Hersteller                       Borsig, Hanomag
Zylinderdurchmesser            700 mm
Kolbenhub                          660 mm
Treibraddurchmesser          1400 mm
Laufraddurchmesser             850 mm
Länge über Puffer              15100 mm
Höchstgeschwindigkeit            65 km/h
Indizierte Zugkraft            25870 kg
Indizierte Leistung            1192 kW
Gewicht                            122 t

Kessel
Kesseldruck                        14 bar
Dampfraum                      3,10 m³
Wasserraum                     8,50 m³
Verdampfungsheizfläche 198,81 m²

Vorräte
Öl                                   4,5 m³
bzw. Kohle                           4 t
Wasser                           12,0 m³

BESONDERHEITEN

Zur Baureihe 95 gehören die einzigen auf Ölfeuerung umgestellten normalspurigen Tenderloks einer deutschen Staatsbahn, sie haben bei der computergerechten Umzeichnung bei der DR zur Unterscheidung eine zusätzliche 0 erhalten, aus der 95 004 wurde die 95 0004-2. Mit der Umrüstung auf Ölfeuerung konnte die Leistung beträchtlich gesteigert werden. Leider wurden bis 1982/83 alle Ölloks abgestellt, heute sind nur noch 95 0028 mit altem Kessel und 95 0009 sowie 95 0020 mit neuem Kessel als ölgefeuerte nicht betriebsfähige Lokomotiven vorhanden. Die 95 016 (neuer Kessel) wurde ebenso wie 95 027 im Jahre 1982 auf Kohlefeuerung zurückgebaut.

95 001-010 Borsig 1922/11105-11114
95 011-018 Borsig 1923/11648-11655
95 019-035 Hanomag 1923/10177-10193
95 036-045 Hanomag 1924/10251-10260

95 016 und 027 in Sonneberg auf dem Viadukt

  START   Baureihe 01   Baureihe 03   Baureihe 78   Baureihe 95   Baureihe 99   Berichte