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Die Entwicklung zur Einheitslokomotive © 2010 Klaus D. Holzbor Schon seit dem ersten Weltkrieg gibt es Bestrebungen bei den deutschen Länderbahnverwaltungen, die Typenvielfalt einzuschränken und standardisierte Lokomotivtypen zu entwickeln. Vorreiter ist Preußen mit den sog. “Normallokomotiven”, die für den Güterzugdienst in großen Stückzahlen entstanden. Die Erfahrungen der Kriegsjahre und die katastrophale wirtschaftliche Lage danach lassen nun die Verreichlichung der deutschen Eisenbahnen, ihren Zusammenschluss zur Deutschen Reichsbahn, schneller als erwartet zustande kommen. Sie wird in Weimar in der neuen Reichsverfassung vom 11. August 1919 durch entsprechende Artikel und durch einen Staatsvertrag fixiert. Dadurch gehen bereits am 1. April 1920 sämtliche deutschen Staatseisenbahnen (Länderbahnen) auf das Deutsche Reich über. Doch das Erbe, das die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (DRG) übernimmt, sieht traurig aus. Besonders ist der Fahrzeugpark davon betroffen, allein 8200 besterhaltene Lokomotiven nur der modernsten Gattungen müssen an die Siegermächte abgegeben werden, dazu 13.000 Personen- und 280.000 Güterwagen. Der “Lokomotiv-Ausschuss” der Königlich Preußischen Staatsbahn wird in die DRG als “Engerer Lokomotiv-Ausschuss” übernommen. Zwei Möglichkeiten stehen zur Wahl: Der Weiterbau bewährter Länderbahntypen oder die Entwicklung eines neuen Typenprogrammes nach neuen, einheitlichen Baugrundsätzen. Zur Arbeitsplatzbeschaffung werden zunächst bewährte Lokomotivtypen weitergebaut. Ab 1923 hat die Entwicklung neuer Typen schließlich den Vorrang, nicht zuletzt, weil Dipl.-Ing. Richard Paul Wagner von der Versuchsabteilung für Lokomotiven als neues Mitglied hinzukommt. Dennoch lässt die Gruppenverwaltung Bayern 30 weitere S³/6-Lokomotiven in etwas modernisierter Form nachbauen (18 479–508; S³/6k), weil die neuen, geplanten Schnellzuglokomotiven deutlich über 17 Tonnen Achslast liegen und zu schwer sind. Die von Borsig und Henschel eingereichten Entwürfe zeigen starke Verwandtschaften mit der preußischen P10 bzw. derjenige von Maffei mit der bayerischen S³/6. Allen gemeinsam ist die Achsanordnung 2’C1’. Parallel werden auch 1’D1’ bzw. 2’D1’-Entwürfe vorgelegt. Nach mehreren Beratungen wird schließlich Dipl.-Ing. R. P. Wagner anstelle von ORR Dipl.-Ing. Hinrich Lübken der Vorsitzende, und er nimmt fortan starken Einfluss auf die Entwicklung der Einheitslokomotiven. Es werden u.a. folgende Grundsätze festgeschrieben: © 2010 Klaus D. Holzbor Problemloser Kesseltausch 300 mm Abstand zwischen benachbarten Radreifen (Bremse) Vierachsige Tender in Laufwerksanordnung Rostfläche von mind. 4,21 m² Zugänglichkeit der inneren Triebwerksteile Nur einschienige Kreuzköpfe Verwendung gleicher Kessel bei unterschiedlichen Bauarten Anordnung von Regler- und Speisedom nicht auf demselben Langkesselschuss Nur ein Feuerloch von 500 mm Breite für alle Kessel Allgemeine Anwendung des Kipprostes von 450 mm Oberflächenvorwärmer quer über der Rauchkammer Einheitliche Ausführung der Kolbenschieber (nur drei Größen) Normanschlüsse an den Dampfzylindern für Druckausgleicher verschiedener Bauarte Festlegung von drei Achslastgruppen: 15, 17,5 und 20 t Durchgängige Anwendung der Normung Besonders dem letzten Punkt wird enorme Wichtigkeit zuteil, ist es doch der Beginn der Vereinheitlichung in der Lokomotivtechnik, sowohl nach DIN (Deutsche Industrie-Norm) als auch nach LON (Lokomotivnorm). Die Kessel sollen grundsätzlich als Heißdampfkessel mit Rauchrohrüberhitzer entsprechend den damals üblichen Verhältniszahlen in Abstimmung mit dem zulässigen Gewicht ausgeführt werden. Dazu kommt eine reichliche Bemessung der Überhitzerheizfläche zur Erzielung hoher Heißdampftemperaturen unter Ausnutzung der heißen Rauchgaszone. Die Beschränkung auf bestimmte Rohrdurchmesser und die Anzahl der Rohre lässt zwar nicht immer eine optimale Feinabstimmung zu, spart aber enorme Lagerhaltungskosten. Bei der Triebwerksabstimmung wird der einheitliche Hub von 660 mm gewählt, dazu möglichst wenige Zylinderdurchmesser. Als Rahmen kommt der Barrenrahmen bei niedriger Bauhöhe und leichter Zugänglichkeit mit einer einheitlichen Stärke von 100 mm bei den 20-t-Lok und 70 mm bei den leichteren Lokomotiven zur Anwendung. © 2010 Klaus D. Holzbor
Entwicklung und Bau der Baureihe 01 © 2010 Klaus D. Holzbor Ein besonderer Mangel besteht bei einer schweren Schnellzug- als auch Güterzuglokomotive mit 20 t Achs- bzw. Radsatzlast. Zwar gibt es erst wenige Strecken, die dafür geeignet und ausgebaut sind, doch nach der Inflation des Jahres 1924 glauben die Verantwortlichen, dass eine starke Belebung der Wirtschaft mit der Zunahme des Eisenbahnverkehrs Hand in Hand gehen wird. Je zehn Lokomotiven der Baureihen 01, 02, 43 und 44 werden bei verschiedenen Lokomotivfabriken in Auftrag gegeben, dabei sind die Baureihen 01 und 43 mit Zweizylinder-, die 44 mit Dreizylinder-Triebwerken und die 02 mit Vierzylinder-Verbundtriebwerken auszustatten. Anschließend sollen diverse Versuche zeigen, welche Variante für bestimmte Einsatzgebiete besser geeignet ist. Die Baureihe 01 ist Dipl.-Ing. R. P. Wagners eigentliches “Kind”, sie besitzt starke Ähnlichkeiten mit der amerikanischen Klasse K-4s der Pennsylvania Railroad und ist für die damaligen Verhältnisse sehr schwer und doch recht elegant. Sie wird zum Prototyp für alle großen Einheitslokomotiven überhaupt. Die Borsig Lokomotivwerke Berlin liefern 1926 acht Lokomotiven (01 001–008, Fabrik-Nrn. 11993–12000), AEG Hennigsdorf 1926 zwei weitere (01 009–010, Fabrik-Nrn. 2983 und 2984). Alle erhalten einen Kessel mit einer Länge von 5.800 mm zwischen den Rohrwänden und einen Zylinderdurchmesser von 650 mm. Wenn auch diese Abstimmung noch nicht ganz optimal ist, so werden diese Vorserienlokomotiven richtungweisend für die Zukunft. Parallel entstehen zehn ähnliche Lokomotiven, die ein Vierzylinder-Verbundtriebwerk erhalten (als 02 001–010, die ersten acht von Henschel, die letzten beiden von Maffei, jedoch abweichend die allerletzte 02 010 mit einem 6.800 mm “Langrohrkessel”). Vom 29. Januar 1926 (01 001) bis zum 19. Juli 1926 (01 010) erfolgt die Abnahme, wobei die 01 008 als 12000. Borsig-Lokomotive einen Tag vor der 01 001 (Fabrik-Nr. 11993) abgenommen wird. Beide Baureihen sind bis auf das Triebwerk identisch; die bessere Variante soll nachgebaut werden.
Die Beheimatung der ersten Lokomotiven erfolgt gruppenweise in Hamm P (01 001–004, 02 005–007), Hof (01 005–007, 02 008–010) und Erfurt P (01 008–010, 02 001–004), davon sind 01 001 und 02 002 zur Lokomotiv-Versuchsabteilung Grunewald abgeordnet. Die ersten Einsätze erfolgen auf der Magistrale von Köln nach Berlin, von Regensburg nach Leipzig und von Leipzig nach Frankfurt/Main. Beide Bauarten werden in den gleichen Dienstplänen eingesetzt, um vergleichbare Werte über ihre Wirtschaftlichkeit zu erhalten. Der Vergleich zeigt, dass die Unterschiede erst bei höheren Geschwindigkeiten zugunsten der 02 ausschlagen, jedoch sind die Beschaffungs- und Wartungskosten deutlich höher, so dass der Zweizylinder-Version (Baureihe 01) letztendlich der Vorzug gegeben wird. Nach Beseitigung der Anfangsschwierigkeiten bewähren sich die Lokomotiven gut, die 02 werden jedoch ab 1929 in Hof konzentriert, dafür erhalten Hamm die 01 008–010 und Erfurt die 01 005–007 als Ausgleich. Von 1937–1941 erfolgt im RAW Meiningen der Rückbau der 02 001–010 in 01 011 und 233–241. Durch Kesseltausch erhalten auch die Vorserienlokomotiven den Langrohrkessel (6.800 mm), was keine Probleme bereitet. Die kleinen Windleitbleche am Umlauf werden bald durch größere ersetzt, bei der DB erhalten sie ab 1951 Witte-Bleche. Die ersten vier 01er (001–004) werden bei der DB bereits 1959/60 ausgemustert, die anderen zwischen 1964 und 1973 (01 011 und 01 008). Von den Vorserienlokomotiven sind als rollfähige Museumslokomotiven noch die 01 005 in Staßfurt und die 01 008 im Eisenbahnmuseum Bochum-Dahlhausen vorhanden. © 2010 Klaus D. Holzborn
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